Ring des Feuers
Buch I: Die Etymologie des Namens
Der Verrückter Joe
LANGSAM hob der alte Mann seine Arme hoch, erst den rechten, dann den linken. Dann atmete er tief ein, dann aus. Nach einiger Weile wiederholte er wieder die gleiche Bewegung. Sein veralteter Hemd war gerissen und sah aus, als sei es seit langem nicht mehr gewaschen wurde. Seine kurze Hose war ebenfalls schmutzig und voller Löcher. An diesem frühen morgen, stand er Barfuss gegen die Sonne, deren Strahlen, noch lauwarm und angenehm war, voll auf sein Gesicht trafen, so dass man es nicht betrachten konnte. Seine Füße und Beinen aber schienen mit großen und kleinen Krampfadern- überall dicht gedrängt- wie ein alter Baum mit seinen Ringen.
Niemand wüsste genau woher er kam. Wie alt war er oder wie er wirklich hieß. Alle nannten ihn einfach nur Joe. Oder, besser gesagt, „ den Verrückten Joe“. Man sagte, dass er vom Norden herkam. Die anderen meinten, dass seine Familie ihn verlassen hat und nach America ausgewandert ist. Möglicherweise kam daher sein Name „Joe“. In diesem Land hießen alle Amerikaner Joe und eine Einwanderung dorthin war ein Traum, den fast jeder Inselbewohner heimlich hatte.
Joe verdiente sein Brot durch anfallende Arbeit auf dem Markt. Die Metzger und die Gemüsehändler brauchten seine Muskelkraft um ihre schweren Waren herumzuschleppen, ihre Stände zu putzen, oder wenn die Hitze des Tages unerträglich geworden war, und die Fischfrauen ihren Mittagschlaf brauchten, war Joe auch dabei um die Schwarm von Fliegen herum ihren Fischen zu vertreiben. Am Anfang bekam er Geld dafür, aber als die Händler beobachtet hatten, wie er all sein Geld für Alkohol ausgab, bezahlten sie ihn nur noch mit Essen oder Cola als Lohn.
Trotzdem trieb er immer irgendwo Geld auf, um Rum- sein Lieblingsgetränk- zu besorgen. Oft bekam er ihn auch von anderen Betrunkenen, wie zum Beispiel von den kleinen Bauern aus dem Land oder von den Arbeiter der nah liegenden Holzfabrik, die jeden Sonntag zum Markt kamen, um ein bisschen Unterhaltung zu leisten. Wenn sie schon betrunken und laut geworden waren, eilte sich Joe nach ihnen um mitzufeiern.
Besonders wenn die Frauen da waren für ihre Einkäufe nach dem Sonntagsgottesdienst, hatten diese Herren in ihrem Normalzustand eigentlich nichts mit Joe zu tun wollten. Aber eins der seltsamen Geheimnisse des Alkohols lag darin, dass es Brüderlichkeit unter den Betrunkenen schaffte, auch wenn solche nur künstlich, flüchtig und sehr unberechenbar ist. Außerdem war Joe ein Mensch, der das uralte Gefühl von Dankbarkeit an den anderen weckte, da ihre Schicksale - trotz ihres eigenen harten Lebens- besser waren.
Die meisten von dieser Menschen, wie Joe, kamen auch von den verschiedenen Teilen des Inselreichs, gelockt von dem Versprechen der Regierung für Reichtum in einem Frontierland, wo die Erde fruchtbar ist, die Wälder eine unendliche Quelle von Holz für ihre Häuschen sind, das Meer und ihre Flüsse mit leckeren Arten von Fischen schwärmten. „Wollen Sie reich werden? Geh’ nach Süden junger Mann“ wurde zur Lieblingsparole des ehemaligen Präsidenten, der in einem Moment der Verzweiflung, als der Norden des Landes vor einer gewaltigen Agrarrebellion brannte, ein Film aus Hollywood mit ähnlichen Titel sah. Praktisch hatte er aber nicht erwähnt, dass den Süden eigentlich von den Menschen anderer Sprachen, Sitten, und Glauben schon bewohnt wurde, und, dass selbst die Conquistadores mit ihrem Kanonen und Waffen, und nach jahrhundertlangem Versucht, es ihnen nicht gelungen, den stolzen Einheimlichen dort zum Kniefall bringen, anders als die Reste der Inseln.
Aber es war der Zeit kurz nach dem Großen Krieg als die Menschen in ihren Tausenden nach den südlichen Großinsel gesiedelt hatten. Sie hatten noch frisch in ihre Erinnerung die brutalen Schlachten, die unnötige Zerstörung ihren schönen Städten, egal ob die fatalen Angriffen von den echten Feinden oder freundlichen Feuer kamen, die nie bevor erlebten Hunger und Not, die demütigenden Vergewaltigung ihre Frauen, und, vor allem die sinnlosen Tode ihren Kindern. Dieses Ereignis zusammen mit dem Gefühl von Jubel und Befreiung, als die Feinde die Inseln in Niederlage verließen, schafften einen neuen Anfang geprägt von Optimismus und Solidarität. „Ach, sind wir doch alle Brüder“ oder „die Reichtum der Inseln sind grenzenlos für uns alle“, waren die oft zitierte Sprüche der Feuilletonschreiber der Tageszeitungen, als ob hatten die vier Jahre Krieg die Jahrhunderten von Ungerechtigkeit und Misstrauen einfach von der Erinnerung der Menschen verschwinden lassen, ohne ihre Macht, Vermögen- und Denkstrukturen zu demontieren. So kam es also, dass als viele der unruhigen Landpächter und Kleinbauer mit nichts als ihre Muskelkraft und Hoffnung für ein besseres Leben gen Süden geschickt worden waren, kamen auch Bodenschätzer der Großgrundbesitzer mit ihren Stifte, Papier, und Teleskopen und später Beziehungen mit der Machthaber gelockt um die begehrtesten Ressourcen des versprochenen Land für sich zu sichern.
Für die ehemaligen Pächter war, in der Tat, die Aussiedlung einen Ausweg von jahrhundertlangen Leibeigenschaften, die ihre Urgroßväter noch bevor sie lebten und litten, als die Spanier die Inseln bei Zufall gefunden, kolonisiert, und ausgeplündert. Drei hundert drei und dreißig Jahren hatten die Inselreich von den Spaniern ausgeplündert und niemand konnte erklären, wie konnte man Fremder aus tausenden Meilen entfernen Land, es ihnen gelungen die drei „tausend Perlen“ zu erobern.
Natürlich musste auch Joe für die versammelten Säufer seinen Beitrag leisten, und nicht nur im Form von kleinen Bitten zu erfüllen, wie zum Beispiel die Zigaretten für die Herren zu kaufen und anzünden, oder die verschütteten Rum und Cola auf dem Boden zu wischen. Er war auch da um ihre veraltete Witze zuhören und mitlachen, und wenn die Stimmung in der Gruppe niedrig geworden waren, sollte er auch ein Paar Schlager oder Volkslieder singen oder sogar tanzen, für die Vergnügung der Herrschaften aufrechtzuerhalten.
Tanzen mag er nicht so aber singen tat er es gern, auch wenn seine Stimme oft unharmonisch klingte. „Sing ein Liebeslied Joe!“, riefe ein Säufer, der von Betrunkenheit fast nicht mehr von seinem Stuhl nicht mehr aufstehen, dann hatten alle anderen angefangen Joe zu lachen und verspotten. Einen jüngeren Mann mit dem Gitarre versuchte Joes Lied zu begleiten, ohne Erfolg. Sein Beitrag dieses Mal war es ein spanisches Liebeslied gewesen, das vor dem Krieg beliebt war, das aber im sein gegenwärtigen Pop Erscheinung kein Spanier verstehen könnte, außer die Wörter Yo ti Amo und Mi Amor. Betrunken wie er war und von seinem Publikum verspottet und ausgelacht, versuchte er sein bestes zu singen. Für einen ernsten Zuhörer aber klangen seine Lieder nicht nur melancholisch, sondern auch Wahr. Irgendwie klangen auch die fremden Wörter von seiner Lippen echt, wie nur die alta sociedad des Landes aussprechen könnten.
Mit diesem sprachlichen Hinweis könnte man auch vermuten, dass seinen wirklichen Namen Jose sei, ein geläufiger Name für den Christenteil des Inselreiches voller Missionären aus der alten Europa, die manche von ihnen einen Stück Immortalität in dieser Welt erlangen hatten als sie ihre eigenen Namen beim Taufen des Kindes verleihen. So kam es, das durch die Namen der Kinder, konnte man früher erkennen, welches Land in Europa den Priester des Dorfes stammte. Also war es nicht ungewöhnlich Kinder mit durchaus dunklen Hauten, schwarzen Haaren und schmalen Nasen trugen Namen wie Luigi, Francesco, oder Hermann für Jungs; und Isabella, Rosemarie, oder Theresa für Mädchen.
Einige Missionären waren aber auch –trotz ihre Zölibatgelübde- tatsächlich die biologische Väter viele Kinder im Inselreich gewesen. Ihre Sprossen wie die Nachahnen von den vielen eingewanderten Europäer im Dienste der spanischen Majestät hatten die hellere Haut, längere Nase, und größere Körper-- Merkmale die durch Jahrhunderte von kolonialische Sublimierung, die Schönheitsideal der Inselbewohner geworden waren— nun vor allem beliebt von Filmemacher, Werbungsagenturen, und, zunehmend auch, als Kandidaten für die politische Parteien des Landes.
Trotz Schmutz und Dreck könnte man Joes Teileuropäischer Abstammung gut erkennen und man könnte auch vermuten, wie viele Frauen an ihn Verliebt hatten, als er noch Jung und gesund war. Immerhin, war die Markt voller Aufregung an einem frühen Morgen, als einige der Händler entdeckt haben, dass Joe zusammen mit einer altere Bettlerin, die von der Großstadt kam, unter dem Gemüsetisch zusammen geschlafen.
Es war ein doppelter Skandal gewesen. Der Burgermeister war entsetzt, dass Joe und die Frau eine öffentlicher Gebäude wie ein Hotel benutzte. Joe erwiderte, dass der Untertisch samt Kartons und Flaschen sein Zuhause war und dafür könnte er dort machen, was er wollte. Der Priester und die Sprecherin der Kirchlicher Frauen Bewegung warnten einerseits vor einem Gefahr für die Moral der Gesellschaft, einen schlechten Beispiel eben für die Jugendliche, als ob die Kinder halten Joe für einen Popstar, der mit einem Lebensstil voller Ruhm und Glamour hätte, anstatt Schmutz und Elend.
Gewöhnlicherweise, während die Männer die Bettlerin gedemütigt und geschimpft hatten, schenkten sie Joe höchstens eine schein Beschimpfung und mehr doppeldeutige Komplimente. „Eine Unverschämtheit! wie konntest du, trotz Alter und geistiger Krankheit, noch Frauen erobern?“, brüllte einen anderen laut genug um die Aufmerksamkeit der allen Passanten zu holen. „Ein echter Kerl, bist du“, sagte der Marktbeamte mit stolzem Lächeln. Als Joe sich unter dem Lampenlicht der Männerstolz stand, verschwand die geschämte Frau und wurde nie wieder in der Stadt gesehen.
Die Eroberungsgeschichte von Joe, dem Verrückter, wurde noch verschönert, geschmückt und übertrieben als sie von einem betrunkenen Mund nach dem anderen übertragen in einem Art mündlicher Pornographie, in dem jeden Erzähler seinen eigenen Fantasien freilich in der Geschichte hereingebastelt, und erzählte es als ob er, und nicht Joe, der Hauptdarsteller der Eskapade war. Die letztendliche Version darüber, zensiert von ihrer saftigen und schlüpfrigen Details, lautete: Joe war zusammen mit einer hübschen Studentin – eine Jungfrau, noch dazu-- von der Großstadt geschlafen hatte.
Viele Wochen später kam die Gipfel der Geschichte als der Militärkommandeur des Bezirks dem Burgermeister besuchte, um eine Erklärung zu verlangen, worüber der Skandal ging. Der Major war besorgt, dass es um eine Vergewaltigung einer unschuldigen jungen Frau handelte. Er fürchtete, dass wenn solche Geschichte auf die Schlagzeilen der Zeitungen der Hauptstadt landen würde, bekäme damit die Opposition eine Waffe gegen die Regierung. Der Diktator des Landes hatte vor einigen Monaten zuvor einen Ausnahmezustand erklärt, um die Nationalwerten und Sicherheit des Burgers zu sichern solle, vor allem gegen gottlose Kommunisten und fanatischen Muslimen.
Eilig wurde Joe zum Rathaus geholt aber schon von erstem Blick an den verzweifelten und ungewaschenen Verdächtigen hatte schon den jungen Offizier festgestellt, dass es um einen Nachrichtendienstfehler ging. Joe könnte weder einen maoistischen Verbrecher noch einen separatistischen Muslimen sein. Trotzdem, sicher ist sicher, dachte er. Wer weißt was die Feinde alles ausnutzen kann, um den Machtkampf zu gewinnen. Hatte er nicht irgendwo mal gelesen, dass ein Schmetterlings kleine Flattern könnten Tornados irgendwo anderseits der Erdekugel verursachten? Er holte sein Füller und ein klein Notizbuch von seiner Militärjacke aus und gab sie an Joe.
„Könntest du deine Name hier schreiben?“, fragte er.
Der Burgermeister, der Dankbar war, dass sein Dorfsverrückter in diesem Moment im trockenen Zustand sich fand, nickte an ihn. Er wusste gar nicht, ob er überhaupt schreiben kann. Aber Joe nahm den Füller und Papier, saß sich auf dem Stuhl vor dem Tisch, und langsam fing zu schreiben an. Was schien auf dem Papier danach waren lesbare Hühnerstriche. Aber was den Burgermeister gewundert hat, dass er mit Füller schreiben konnte, eine Beobachtung, die den scharfen Augen des Majors auch nicht entflohen konnte.
„Jose de la Nieva y de los Reyes “, las der Major der Name, der Joe auf dem kleinen Papier gekritzelt hatte. Ein alten adligen Name, der mit Großvermögen, guten gesellschaftlichen Ruf und Beziehung zu tun, und nicht mit dem Penner, der gegenüber ihm saß. Oder doch? Ist es nicht so, dass die Natur der Dingen besteht nur auf eine einzelnen Regel, die die Regel des ewigen Wechseln hieß, wo den Chaos zur Ordnung verwandelt, der Tag zur Nacht, das Geburt zum Tod, die Frieden zum Krieg, der Sklave zum Herrn, die alte Elite der Gesellschaft zur neuen regierenden Klassen.
Kaum zu glauben aber diese Wahrheit hatte der Major in diesem Augenblick kristallklar bewahrheitet. Es war nicht so lange hier, dass dieser Name für ihn nicht nur Überleben bedeutete, aber auch geheime Träume, tiefe Wünsche, und menschlicher Neid.
(Nächste Kapitel: Die Gebrüder Dimataling)